Plastik im Blut, die Menschen werden zu Plastikpuppen im Plastikzeitalter

Eine kurze Einführung in die Geschichte des Kunststoffs

1839: Charles Goodyear (Urvater des Plastiks) mischt Kautschuk mit
ein wenig Schwefel; dadurch wird der Kautschuk formbar. So erfindet
er Gummi. In weiteren Entwicklungsprozessen erzeugt er Hartgummi
(Duroplast), das dann für Schmuckstücke und Telefonteile verwendet
wurde.

1870: John Wesley Hyatt erfindet den wohl bekanntesten frühen
Kunststoff – das Zelluloid – als Ersatzmaterial für Elfenbein in Billardkugeln. Zelluloid erweist sich als bahnbrechend für die Filmindustrie.

1872: Adolf von Baeyer beschreibt die Polykondensation (Überführung von Monomeren in Polymere = Kunststoffe) von Phenol und
Formaldehyd und schafft damit die Grundlage für die heutige Kunststoffchemie.

1907: Leo Baekland entwickelt mit Bakelit den ersten synthetischen Duroplasten, der industriell in großen Mengen hergestellt werden kann. Mit Bakelit verändert sich die Konsumwelt: Zuvor unerschwingliche Geräte wie Telefon und Radio („Volksempfänger “) werden erschwinglich.

1911: Ernst Richard Escales gibt zum ersten Mal die Fachzeitschrift
Kunststoffe heraus.

1920: Hermann Staudinger (Begründer der Polymerchemie) veröffentlicht eine Arbeit über seine Theorie der langen Moleküle – Makromoleküle (Polymere) –, die sich zur Herstellung von PVC eignen. So können bessere Herstellungsverfahren entwickelt werden und der Siegeszug der Kunststoffe beginnt.

1930er-Jahre: Die ersten Materialien, die durch Polymerisation hergestellt werden, sind PVC (Polyvinylchlorid), Plexiglas, Polyurethan (Schaumstoffe), Silikone und Teflon (Polytetrafluorethylen).

1940: „Revolution“ im Bereich der Damenstrümpfe – Nylon (ein Polyamid) kommt auf den Markt und macht als Ersatzmaterial für teure Naturfasern wie Seide Damenstrümpfe erschwinglich. Am Nylon Day (15. Mai 1940) werden mehrere Millionen Paar Strümpfe verkauft. Nylon und chemisch vergleichbare Kunstfasern verändern die Mode und die Wohnwelt. Quelle: Plastik im Blut

National Nylon Day  (National Nylon Stocking Day)

1935 entwickelte der US-Amerikaner Wallace Hume Carothers im Rahmen seiner Tätigkeit des Chemiekonzerns DuPont (vollständiger Name: E.I. du Pont de Nemours & Co.) die erste Nylonfaser mit dem Namen Polyamid. Der damalige DuPont-Forschungsleiter gilt somit als einer der Urväter von Mikrofasern und muss zugleich als Wegbereiter eines Modephänomens gesehen werden. Denn mit der Einführung von im Vergleich zu Seide oder Kunstseide deutlich günstigeren bzw. robusteren Nylonstrümpfen stieg auch die Nachfrage nach dieser Strumpfware. So brachte DuPont die ersten Nylonstrümpfe 1939 in Wilmington, North Carolina und soll innerhalb von drei Stunden über 4000 Paar verkauft haben. Und diese Nachfrage dürfte auch den nationalen Tag der Nylonstrümpfe hervorgebracht haben. Denn am 15. Mai 1940 durchbrach DuPont die Marke von fünf Millionen verkauften Paar Nylonstrümpfen, wobei der Chemiekonzern bis zu diesem Zeitpunkt lediglich ausgewählte Geschäfte in den Großstädten der Vereinigten Staaten belieferte.  Dieses Datum ist in den USA heute auch noch als sogenannter N-Day bekannt

Unsere Buntwelt ist außer Kontrolle geraten
Hersteller von Plastikprodukten, zum Beispiel Getränkeflaschen- oder Spielzeugproduzenten, kennen in vielen Fällen gar nicht die genaue
chemische Zusammensetzung des angelieferten Kunststoffmaterials. Es sind gut gehütete Firmengeheimnisse der Kunststoffindustrie. Unzählige
Kunststoffartikel mit bedenklichen Zusatzstoffen, selbst wenn diese in der EU bereits verboten sind landen so in unseren Haushalten und der Umwelt.
Plastik ist ein großes Geschäft. Laut Recherchen für den Film „Plastic Planet“ macht die Kunststoffindustrie 800 Milliarden € Umsatz pro Jahr. Allein in Europa verdienen eine Million Menschen ihr tägliches Brot unmittelbar mit Plastik. Jeder Industriezweig ist heute auf Kunststoff angewiesen ….


In einer Pilotstudie haben Forscher aus Österreich nach eigenen Angaben erstmals Mikroplastik in Stuhlproben von Menschen nachgewiesen Die Probanden im Alter zwischen 33 und 65 Jahren, die auf verschiedenen Kontinenten leben und sich nicht kennen, führten demnach eine Woche lang ein Ernährungstagebuch und gaben anschließend die Probe ab. Alle Teilnehmer nahmen in dieser Zeit in Plastik verpackte Lebensmittel oder Getränke aus PET-Flaschen zu sich. Die Mehrzahl von ihnen aß auch Fisch oder Meeresfrüchte, niemand ernährte sich ausschließlich vegetarisch.

„In unserem Labor konnten wir neun verschiedene Kunststoffarten in der Größe von 50 bis 500 Mikrometer nachweisen“, sagte Bettina Liebmann, Expertin für Mikroplastikanalysen im Umweltbundesamt. 

In unserem Blut fließt Plastik

Weit über 280 Millionen Tonnen Plastik werden jährlich weltweit produziert, 19,5 Millionen davon allein in Deutschland. Entsprechend häufen sich die Müllberge. Inzwischen gibt es sechs Mal mehr Plastik als Plankton im Meer. Und selbst vor dem menschlichen Körper macht das Material nicht halt. Studien haben gezeigt, dass in unserem Blut und Urin mittlerweile Bestandteile von Plastik schwimmen.

„Die Menschen in den industrialisierten Staaten sind mittlerweile zu über 90 Prozent chronisch mit Bisphenol A (BPA) belastet, also sozusagen ‚plastiniert‘“, sagt Dieter Swandulla, Institutsdirektor der Physiologie II an der Universität Bonn.

„Die Menschen sind grob in drei Kategorien einzuteilen:
die wenigen, die dafür sorgen, dass etwas geschieht,
die vielen, die zuschauen, wie etwas geschieht,
und die überwältigende Mehrheit,
die keine Ahnung hat, was überhaupt geschieht.“

Karl Weinhofer (deutscher Politiker)

24.03.2019 Tagessau

This website uses cookies. By continuing to use this site, you accept our use of cookies.